Direkt zum Hauptbereich

Im Verborgenen von Ljuba Arnautovic




Eva arbeitet als Sekretärin für die evangelische Kirche in Wien. Sie besitzt eine kleine Dienstwohnung in den Räumlichkeiten des Oberkirchenrates, lebt allein und gibt nicht viel von ihrer Geschichte preis. Ihre politische Vergangenheit könnte sie in Gefahr bringen, niemand weiß, dass ihre 2 Söhne seit Jahren in der UdSSR sind. Nur der Gefängnisseelsorger Hans Rieger kennt das Versteck in ihrer Wohnung und bittet sie um Hilfe für Menschen, die verfolgt werden. So lernt Eva auch Walter kennen. Sie geben einander Halt in schwierigen Zeiten, doch die Last des 20. Jahrhunderts lässt sich nicht leicht abschütteln.

Ein schmales Buch ist das Romandebüt von Ljuba Arnautovic, und vielleicht gerade deshalb so berührend. In einer klaren schnörkellosen und souveränen Sprache erzählt die Autorin die Geschichte ihrer Großmutter als Roman und streut dazwischen immer wieder Original-Dokumente ein: vieles ist dadurch belegt, vieles wird erzählt, wie es gewesen sein könnte.

Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt: das Buch umspannt das 20. Jahrhundert, viele Länder, 3 Religionen, politische Ideologien aller Schattierungen. Und das alles am Beispiel zweier Familien, in deren Mittelpunkt eine unerschrockene und starke Frau steht, eines von unzähligen Schicksalen in dieser Zeit. Sie bringt viele Opfer und geht dennoch ihren Weg, ohne selbst zum Opfer zu werden. Da ist kein Wort zu viel oder zu wenig. Faszinierend ist auch, wie die Autorin die Geschichte aufbaut: nicht linear erzählt, sondern den Faden immer wieder an unterschiedlicher Stelle aufnehmend, was Zeit und Personen betrifft. Man kann das Buch also durchaus mehrfach mit Gewinn lesen zum besseren Überblick.

„Im Verborgenen“ ist ein Stück Zeitgeschichte aus schwierigsten Zeiten, und auch wenn man glaubt, dass man schon genügend zu diesem Thema gelesen hat: dieses Buch sei jedem an der Geschichte des 20. Jahrhunderts Interessierten wärmstens empfohlen. Selten hat mich eine Geschichte so gefesselt und berührt. Und zum Schluss stellt sich wie so oft die Frage: wie hätte man selbst gehandelt?

Susanne Remmer 

Ljuba Arnautovic: Im Verborgenen
Verlag: Picus
Eur [A] 22,00
ISBN: 978-3-7117-2059-7

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Russische Spezialitäten von Dmitrij Kapitelman

    Ein Laden in Leipzig in den 1990er Jahren: Hier kaufen Russen, Weißrussen, Moldawier, Ukrainer die aus ihren Herkunftsländern gewohnten Spezialitäten, hier wird gemeinsam gearbeitet und gefeiert. Dima, der Sohn der ukrainischen Inhaberfamilie, hat hier seine Jugend verbracht, seine Eltern haben russisch-moldawisch-jüdischen Background. Doch nun, seit dem russischen Angriff auf die Ukraine, ist alles anders. Außerdem stellt sich Dimas patente, geliebte Mutter auf die Seite Putins, Argumentieren ist zwecklos. Dima beschließt, ins kriegsgeplagte Kijiw zu fahren … Dmitrij Kapitelman: Russische Spezialitäten. Verlag Hanser. Eur[A] 23,70. ISBN 978-3-446-28247-6  zur Bestellung

Nullzone von Isabella Straub

  Was haben ein Zukunftsforscher, eine Hausmeisterin und ein Paketzusteller miteinander zu tun? Dr. Gabor Sperling hat sich als Leiter des Institus für Technikfolgenabschätzung gut eingerichtet, aber seine Führungsrolle bekommt Sprünge, nachdem eine Teambuilding-Veranstaltung etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Auch um seine Ehe steht es nicht zum Besten, trotzdem hat er sich mit seiner Frau in ein topmodernes Wohnprojekt am Stadtrand eingekauft. Elfi Hrbala ist gewissenhafte Hausmeisterin im benachbarten, etwas heruntergekommenen Hochhaus. Sie achtet streng auf die Einhaltung der Hausordnung und lebt ansonsten recht zurückgezogen. Als das Hochhaus durch die Baustelle Schieflage bekommt und abgerissen werden soll, organisiert sie eine Protestveranstaltung, die einiges in Gang setzt. Rashid Ayoub lebt ebenfalls im Hochhaus, arbeitet als Paketzusteller, möchte seine große Liebe zurückerobern und träumt von einer Karriere als Unternehmer. Als er in einer TV-Show auftritt, ...

Für immer von Maja Lunde

    Was für ein Geschenk! Die schwer krebskranke Jenny, eine ehemalige Kriegsfotografin, erfährt, dass die Zeit aufgehört hat zu fließen. Zwar wirkt alles normal, die Menschen leben ihr gewohntes Leben weiter, doch gibt es kein Altern und keinen Tod. Bestattungsunternehmen und Geburtsstationen sind arbeitslos. Doch der „Stillstand“ bringt die Gesellschaft bald an ihre Grenzen. Es gibt Solidaritätskundgebungen und Gegendemonstrationen; Verschwörungserzählungen sprießen. Mit ihrer Kamera macht Jenny sich auf, die Menschen und den geheimnisvollen „Stillstand“ zu ergründen …   Maja Lunde: Für immer. Verlag btb. Eur[A] 24,70. ISBN 978-3-442-76278-1 zur Bestellung