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Der Anfang von morgen von Jens Liljestrand

 

Packend, spannend und super geschrieben - die Klimakrise ist in der Belletristik angekommen. Bei solch einem brisanten Thema kann viel schiefgehen: Moralisieren, Deprimieren, Aufbauschen, Verharmlosen ... Aber Jens Liljestrand umschifft all diese Klippen und trifft genau den Ton. 

Es ist Sommer in Schweden, ein Sommer, in dem die verheerenden Auswirkungen der Klimaveränderungen so deutlich wie nie zuvor zu Tage treten: Sogar im kühlen Skandinavien brennen die durch anhaltende Dürre ausgetrockneten Wälder, stirbt das Meer den Wärmetod an Übersäuerung, schwächelt das Stromnetz, werden ganze Landstriche evakuiert. Nacheinander werden die Ereignisse aus der Sicht von vier Personen erzählt: Der woke, midlife-crisis-geplagte Familienvater Didrik, der zwar die Klimakrise seit langem kommen sieht, nun aber unfähig ist, mit den neuen Widrigkeiten klarzukommen; seine Geliebte, die drogensüchtige Influencerin Melissa, die ihre Anhänger auf Genießen ohne jede Einschränkungen einschwört und alle warnenden Menschen öffentlich heruntermacht; André, der vernachlässigte und sich als Loser empfindende Sohn eines Promi-Tennisstars, der sich während der Segelwoche mit seinem Vater durch den Schärengarten einer Gruppe militanter Klimaaktivisten anschließt; und schließlich Vilja, die 15-jährige Tochter Didriks, die in diesem chaotischen Sommer sehr plötzlich erwachsen werden muss und sich den Verhältnissen stellt.

Die miteinander verbundenen Schicksale und Erzählungen legen auf verstörend klare Weise offen, wie verletzlich unsere Gesellschaft wird, wenn die gewohnten Schutzmaßnahmen einer vermeintlich sicheren Welt nicht mehr wirken und die Probleme überhand nehmen; wie schnell gewohnte Werte und Moralvorstellungen miteinander unvereinbar werden; und wie träge und wirklichkeitsfremd unsere westliche Zivilisation geworden ist. Sehr empfehlenswert! (UR)


Jens Liljestrand: Der Anfang von morgen. Roman.

Aus dem Schwedischen übersetzt von Thorsten Alms, Karoline Hippe, Franziska Hüther, Stefanie Werner.

Verlag S. Fischer

ISBN 978-3-10-397190-3

Eur[A] 24,70

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