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Vier Schwestern von Ernst Strouhal

  Die bekannteste unter den vier Schwestern Benedikt ist Friedl, die als junge Schriftstellerin unter dem Pseudonym Anna Sebastian in England einige erfolgreiche Romane schrieb. Hierzulande ist Friedl Benedikt jedoch mehr aus den autobiografischen Schriften Elias Canettis geläufig, mit dem sie eine lange Beziehung hatte. Auch ist eine der Figuren in Veza Canettis Roman "Die Schildkröten", in dem die Anschlusstage in Wien 1938 beschrieben sind, ihr nachempfunden. "Sie haben Papa verhaftet!", lässt Veza Canetti in ihrem Roman die junge Frau verzweifelt sagen. Dieser Papa ist in der Realität Ernst Benedikt, ehemaliger Chefredakteur der Neuen Freien Presse. 1938 gerät das gutbürgerliche Leben der Familie Benedikt in ihrer Villa in Wien Grinzing, Am Himmel 55, tatsächlich aus den Fugen. Die vier Schwestern Gerda, Friedl, Ilse und Susi werden in verschiedene Länder geschickt, weg aus Hitlers Großdeutschland. Die Eltern folgen ihnen nach vielen Schikanen der Nationalsozial
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Der Riss der Zeit geht durch mein Herz von Hertha Pauli

  Die Erinnerungen von Hertha Pauli - was für eine Wiederentdeckung! Die Schauspielerin, Verlegerin und Literaturagentin wusste genau, wie man ein hervorragendes Buch schreibt. Ihre Vertreibung und Flucht aus Wien und das immer bedrückender und gefährlicher werdende Leben der Hitlergegner im besetzten Frankreich, all das ist so spannend geschildert, dass man immer weiter lesen will.  Es ist der 11. März 1938, Vormittag. An der Wiener Opernkreuzung ist kein Durchkommen. Im Weggehen vom Hotel Bristol, wo sie eine Besprechung mit einer amerikanischen Verlegerin hatte, gerät Hertha Pauli mitten in den Aufruhr: Massenweise stehen sich Hitler-Anhänger und Hitler-Gegnern und Österreich-Befürwortern gegenüber. Im Café Herrenhof trifft sie sich mit ihren Freunden; doch gleich am Nebentisch sitzt der Innenminister Arthur Seyss-Inquart, der im Auftrag Hitlers in den nächsten Stunden Bundeskanzler Dollfuss stürzen wird. Die Flucht ist für die Literatengruppe unausweichlich. Über Zürich gelangt Her

Der Anfang von morgen von Jens Liljestrand

  Packend, spannend und super geschrieben - die Klimakrise ist in der Belletristik angekommen. Bei solch einem brisanten Thema kann viel schiefgehen: Moralisieren, Deprimieren, Aufbauschen, Verharmlosen ... Aber Jens Liljestrand umschifft all diese Klippen und trifft genau den Ton.  Es ist Sommer in Schweden, ein Sommer, in dem die verheerenden Auswirkungen der Klimaveränderungen so deutlich wie nie zuvor zu Tage treten: Sogar im kühlen Skandinavien brennen die durch anhaltende Dürre ausgetrockneten Wälder, stirbt das Meer den Wärmetod an Übersäuerung, schwächelt das Stromnetz, werden ganze Landstriche evakuiert. Nacheinander werden die Ereignisse aus der Sicht von vier Personen erzählt: Der woke, midlife-crisis-geplagte Familienvater Didrik, der zwar die Klimakrise seit langem kommen sieht, nun aber unfähig ist, mit den neuen Widrigkeiten klarzukommen; seine Geliebte, die drogensüchtige Influencerin Melissa, die ihre Anhänger auf Genießen ohne jede Einschränkungen einschwört und alle

Landpartie von Gary Shteyngart

  Will man einen Roman lesen, der um das Thema Covid konstruiert ist? Ja, wenn er so gut geschrieben ist wie „Landpartie“ von Gary Shteyngart! Im Frühling 2020 lädt der Bestseller-Schriftsteller und Fernseh-Autor Sascha Senderovsky eine Gruppe von Bekannten auf sein Landhaus nahe New York City, um dort in Abgeschiedenheit und gleichzeitig in Gesellschaft die Pandemie zu übertauchen. Es sind einige alte Kindheits- und Highschool-Freunde, die Senderovsky und seine Frau Masha, eine Psychotherapeutin, für die kommenden Monate bewirten: da sind der reiche Globetrotter Ed und die smarte Silicon-Valley-Millionärin Karen, beide mit koreanischen Wurzeln. In Karen ist seit langer Zeit der nächste im Bunde, der indisch-stämmige Vinod verliebt ist, dieser ein Philosoph und hochbegabter Uni-Absolvent, der sein Leben aber als Tellerwäscher fristet und als Lungenkrebs-Patient das größte Risiko zu erkranken hat. Frischen Wind in die eingeschworene Gruppe bringen die junge Autorin Dee, Schülerin Se

Lenka Reinerová - Abschied von meiner Mutter von Anna Fodorová

  Lenka Reinerová (1916-2008) war die letzte Vertreterin der einst so bedeutsamen deutschsprachigen Literaturszene in Prag. Die Gründerin des Prager Literaturhauses ( Pražský literární dům ) hatte Max Brod gekannt und hatte die Exiljahre während des Zweiten Weltkriegs mit ihren Freunden Egon Erwin Kisch und Anna Seghers in Mexiko geteilt. Nun hat ihre Tochter, die Filmemacherin, Künstlerin und Psychotherapeutin Anna Fodorová ein Buch über ihre Mutter Lenka geschrieben. Es geht nicht nur um das Leben der bedeutenden und geachteten Schriftstellerin und um die letzten Wochen und Monate dieser hochaktiven Intellektuellen, sondern auch um das um das schöne, doch nicht spannungsfreie Verhältnis von Mutter und Tochter: "Es ist nicht einfach, mit Eltern aufzuwachsen, die Helden waren", sagt Anna zu Beginn des Buches.  Und heldenhaft war Lenkas Leben. Unbeugsam erlebte sie alle Fährnisse des 20. Jahrhunderts, die Vertreibung aus der besetzten Tschechoslowakei, die Deportation und Erm

Die Welt war ein Irrenhaus von Rudolf Schönwald

  Höchst kurzweilig und (selbst-)ironisch erzählt der Maler und Graphiker Rudolf Schönwald über sein Leben, das phasenweise enorm gefährdet und von Gewalterfahrung und Tragik geprägt war. Von den Nazis mit Deportation und Ermordung bedroht, flüchtet der 15-jährige Rudolf Schönwald im Jahr 1943 mit seiner Mutter und seinem Bruder von Wien nach Budapest. Dort erlebt er 1944 den Einmarsch der Deutschen, die Herrschaft der ungarischen Pfeilkreuzler und die monatelange brutale Schlacht um Budapest im Winter 1944/45 mit. Das Wiedersehen mit seinem Bruder und der Mutter, die Auschwitz und andere Vernichtungslager überlebt hat, findet wiederum in Österreich statt. Im viergeteilten Nachkriegs-Wien geht der Wahnsinn auf andere Weise weiter: Der Katholik Schönwald, der sich dem Kommunismus zuwendet, sitzt gemeinsam mit Alt-Nazis in der Maturaschule. Abgestoßen von den zunehmenden Kommunisten-Anfeindungen, frequentiert er das Café Hawelka, ist aktiv in der frühen Kabarett-Szene um Qualtinger und

Die rote Herzogin von Svetlana Lavochkina

  Witzig, schockierend, entlarvend und bisweilen degoutant, so ist uns Svetlana Lavochkinas Buch „Puschkins Erben“ in Erinnerung, mit seinen sarkastischen Porträts von Mitgliedern einiger miteinander schicksalhaft durch den gigantischen Staudamm von Zaporoschje verwobenen sowjetischen Familien. Nun liegt die Vorgeschichte in Buchform vor, und wieder sorgt die Autorin für Momente, in denen das Lachen schockartig sofort wieder gefriert: In der Frühzeit der Sowjetunion sollen die gefürchteten Stromschnellen des Dnjepr-Flusses durch ein gigantisches Wasserkraftwerk gezähmt werden. Dafür lässt Stalin den amerikanischen Star-Ingenieur Hugh Winter in die Ukraine kommen. In Winters Haus geht auch die Propaganda-Chefin Darya aus und ein, die aus ehemals hochadeligem Haus stammend die Säuberungen der Revolution überlebt hat und nun die Arbeitsbrigaden der Großbaustelle mit Propaganda versorgt. Insgeheim hat Darya einen Traum: einen Ball mit Tanzmusik, Ballkleid und Diner zu veranstalten. Ein Ka